Glauben war in meiner Familie immer ein Thema.
Ich wurde erzkatholisch erzogen, ging jeden Sonntag in die Kirche, einmal im Monat zur Beichte.

Ich hatte in der Grundschulzeit einen Priester als Religionslehrer, der mit lockerer Hand die Bibelsprüche in uns reinprügelte. Erst als meine Mutter der Schule mit Repressalien drohte, wurde dem ein Riegel vorgeschoben. Meine Kommunionszeit war ein Greuel, denn ein Kaplan hatte eine Freude daran, uns Kinder zu quälen und uns zu drohen, dass er uns nicht zur Kommunion gehen lasse. Er verteilte Kopfnüsse oder Backpfeifen. Es wurde totgeschwiegen.

Ich ging in den Kirchenchor und lernte in der Jugendgruppe viele nette, junge Menschen dort kennen. Wir unternahmen viel zusammen und hatten eine echt tolle Zeit. Dann begann ich eine Lehre und wurde nur noch als inaktives Mitglied geführt. Ich lernte in meiner Lehrzeit meinen Mann kennen. Wieder war es ein katholischer Priester, der mir den Zugang zur Kirche verwehrte, da ich ja einen Geschiedenen heiraten wollte.

1978  wurde Karol Wojtyla zum Papst ernannt. Als Johannes Paul II. besuchte er  Anfang der 90er unter anderem Afrika, weihte einen zweiten Petersdom ein und erzählte den Menschen dort, dass Verhütung eine Sünde sei. Währenddessen verhungerten in den Strassen vor der Kirche Kinder in den Gassen. Da war für mich klar, dass das nicht mehr meine Kirche war. Ich trat zusammen mit meinem Mann aus der Kirche aus.

Ich dümpelte gut 2 Jahrzehnte ohne grossen Glaubensverlust hin und her. Ich las, wählte aus, verwarf wieder. Trotzdem stellte sich heraus, dass mein bisheriger Glaube wohl nicht die richtige Wahl war. Sie war zu einengend, zu starr. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch, ein Rebell. Ich brauche keine Vorgaben um zu glauben.

Als mein Mann starb fand ich urplötzlich zu einem alten Bekannten zurück – dem Buddhismus. Er beinhaltet genau das, was ich eigentlich schon jahrelang suchte. Weisheit, innere Ruhe, keine Zwänge. Alles kann, nichts muss. Weniger ist mehr – das fiel mir anfangs sehr schwer. Manchmal ist es besser nur zu denken – und nichts zu sagen. Allerdings fiel es mir auch leichter mich von schlechten Gewohnheiten oder energieraubenden Menschen zu trennen. Man muss nicht jedem gefallen oder mit jedem gut Freund sein. Man will inneren Frieden und Ruhe.

Im Buddhismus strebt man nach Vollkommenheit. Die lässt sich durch die Befolgung bestimmter Regeln erreichen. Ich zitiere hier mal Wikipedia:

Grundlage der buddhistischen Praxis und Theorie sind die Vier Edlen Wahrheiten: Die Erste Edle Wahrheit, dass das Leben in der Regel vom Leid (dukkha) über GeburtAlterKrankheit und Tod geprägt ist; die Zweite Edle Wahrheit, dass dieses Leid durch die Drei Geistesgifte GierHass und Verblendung verursacht wird; die Dritte Edle Wahrheit, dass zukünftiges Leid durch die Vermeidung dieser Ursachen nicht entstehen kann bzw. aus dieser Vermeidung Glück entsteht und die Vierte Edle Wahrheit, dass die Mittel zur Vermeidung von Leid, und damit zur Entstehung von Glück, in der Praxis der Übungen des Edlen Achtfachen Pfades zu finden sind. Diese bestehen in: rechter Erkenntnis, rechter Absicht, rechter Rede, rechtem Handeln, rechtem Lebenserwerb, rechter Übung, rechter Achtsamkeit und rechter Meditation, wobei mit recht die Übereinstimmung der Praxis mit den Vier Edlen Wahrheiten, also der Leidvermeidung gemeint ist.

Nach der buddhistischen Lehre sind alle unerleuchteten Wesen einem endlosen leidvollen Kreislauf (Samsara) von Geburt und Wiedergeburt unterworfen. Ziel der buddhistischen Praxis ist, aus diesem Kreislauf des ansonsten immerwährenden Leidenszustandes herauszutreten. Dieses Ziel soll durch die Vermeidung von Leid, also ethisches Verhalten, die Kultivierung der Tugenden (Fünf Silas), die Praxis der „Versenkung“ (Samadhi, vgl. Meditation) und die Entwicklung von Mitgefühl (hier klar unterschieden von Mitleid) für alle Wesen und allumfassender Weisheit (Prajna) als Ergebnisse der Praxis des Edlen Achtfachen Pfades erreicht werden. Auf diesem Weg werden Leid und Unvollkommenheit überwunden und durch Erleuchtung (Erwachen) der Zustand des Nirwana, der Leidlosigkeit bzw. der Zustand des Glücks realisiert.

Indem jemand Zuflucht zum Buddha (dem Zustand), zum Dharma (Lehre und Weg zu diesem Zustand) und zur Sangha (der Gemeinschaft der Praktizierenden) nimmt, bezeugt er seinen Willen zur Anerkennung und Praxis der Vier Edlen Wahrheiten und seine Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Praktizierenden des Dharma. Die Sangha selbst unterteilt sich in die Praktizierenden der Laien-Gemeinschaft und die ordinierten der Mönchs- bzw. Nonnenorden.

Der Buddhismus hat mir geholfen, ruhiger zu werden. Dinge passieren, weil sie passieren sollen. Auf jede Reaktion erfolgt eine Gegenreaktion. Das kann schlecht für das eigene Karma sein. Deswegen überlegen Buddhisten genau, ob sie etwas tun oder nicht. Sie könnten ja jemanden damit schaden. Ich nehme mich auch selbst nicht mehr so wichtig. Ich muss nicht auffallen oder mit grossen Trara überall aufschlagen und Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Manchmal ist weniger einfach mehr.

Ich bin eine Art Novize und lerne jeden Tag dazu. Mein nächster Schritt wird es sein, in die buddhistische Gemeinschaft hier in der Nähe aufgenommen zu werden. Um das zu wollen, musste ich mir aber erst einmal sicher sein, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Aber nach gut 2,5 Jahren bin ich mir sicher, dass es genau das ist, was ich will.

  1. Danke für den tollen offenen Beitrag. Ich finde die Ansicht des Buddhismus auch sehr passend. Das strahlt wirklich eine tiefe Wahrheit aus. Aktuell bin ich aber noch am selbst suchen. Aber bisher klingt für mich der Buddhismus einfach Lebensnah und klar.
    liebe Grüße
    Sandra

  2. Wie schön zu lesen, dass Du Deinen Weg gefunden hast.

    Ich bin ja ein paar Tage jünger als Du und dazu auch noch Polin. Ich habe Karol Wojtyla immer als Heiligen wahrgenommen (wahrnehmen müssen). Tatsächlich habe ich ihn nie hinterfragt. Früher, weil ich zu klein dazu war, heute, weil es mich nicht mehr interessiert.

    Mein Austritt aus der katholischen Sippe erfolgte 2009 – inmitten des Missbrauchsskandals. Atheistin war ich schon lange, aber den entscheidenden Gang habe ich damals gemacht. Ich wollte mit dieser Bande nicht mal mehr auf dem Papier in Verbindung gebracht werden.

    Wie Du habe ich aber trotzdem meine Schublade gesucht. Auch wenn ich nicht wirklich was vermisst habe ohne Gott, der Mensch hat ja trotzdem ein Zugehörigkeitsbedürfnis.

    Meine Schublade war der Humanismus. Ich bin dem Humanistischen Verband Deutschlands beigetreten und einigen seiner Ablegern. Hier fühle ich mich wohl. Und auch die Ommmas haben ihre Ruhe gegeben, denn das Kind ist ja „irgendwas“ – auch wenn sie es nicht so recht verstehen (wollen, können, wasauchimmer).

    Einer der vielen Gründe, warum ich klar gegen die Taufe bin. Jeder Mensch muss seinen eigenen Platz auf der Welt finden – der von der Familie vorgegebene muss nicht zwangsläufig der Richtige sein.

    Viele Grüße an Dich!

  3. Interessant! Ich bin evangelisch aufgewachsen, wurde aber nie zum Glauben „gezwungen“. Mein beste Freundin zu Schulzeiten war sehr religiös und über sie bin ich so in die Charismatiker-/Pfingstlerecke geraten. Das war anfangs spannend, aber irgendwann sieht man, dass sie so überzogen handeln, dass man beginnt, das ganze Ding „Gott“ zu hinterfragen.
    Heute bin ich Agnostikerin. Kann sein, dass es Gott gibt, kann auch nicht sein. Für mein Leben macht es keinen Unterschied (für das danach vielleicht schon ;-)).
    Ich meditiere zwar regelmäßig, allerdings ohne jeglichen religiösen „Unterbau“.
    Bin gespannt auf deine weiteren Prompts!

    • Nunja, die 70ern waren sehr katholisch geprägt. Die kath. Kirche befand sich in einer Art Umbruch, was aber total schief ging.
      Buddhismus ist zwar eine Art Religion, bildet für mich aber eine Art Standfuß oder Unterbau zu meinem restlichen Leben. Heisst im Klartext aber auch, dass ich meine Handlungen mittlerweile hinterfrage. Und das ich vieles NICHT mehr tue, was ich früher spontan getan hätte.
      Witzigerweise fühle ich mich aber sehr gut damit. Ergo ist dieses Umdenken für mich und mein Innerstes durchaus positiv.

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