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Die geprügelte Generation von Ingrid Müller-Münch

posted by TheStrangebeauty.net 16. September 2017 2 Comments

Die geprügelte GenerationDie geprügelte Generation by Ingrid Müller-Münch
My rating: 5 of 5 stars

Seit dem Erscheinungsjahr 2012 schleiche ich um dieses Buch herum. Gefühlt fassst genauso lange hat das Lesen gedauert. Denn es ist starker Tobak, was  Ingrid Müller-Münch hier beschreibt.

Kinder prügeln? Ach Quatsch. Macht doch keiner.
Doch. Täglich. Bis heute. Immer noch. Von der verbalen und psychischen Gewalt abgesehen.

In meiner Jugend war es normal – die Ohrfeige, den Klatscher auf den Mund, der Teppichklopfer oder den Holzstock auf dem Hintern im Elternhaus.

In der Schule die Lehrer, die einem vor der Klasse lächerlich machten – Prügel waren damals verboten, was sie aber nicht daran hinderte uns psychisch fertig zu machen.
Lehrer, die sich regelrecht daran labten, wenn man in Tränen ausbrach oder vor Wut fast platzte.

Oder der Pastor, der uns im Religionsunterricht vor allen anderen zur Sau machte, der Kopfnüsse verteilte und einem so fest zwickte, bis man blaue Flecken hatte.

Über all das wurde hinweg gesehen. Es waren ja unerzogene Kinder, die man „in die Spur“ bringen musste. Da folgten dann solche Sprüche wie:

  • Aus Dir wird eh nix.
  • Da bist Du wohl zu blöde dazu.
  • Weiterführende Schule?  Willst Du nicht heiraten?
  • Wozu braucht ein Mädchen das denn?
  • Ein Freund? Jetzt ist es rum mit ihr.
  • Du bist ein Versager. Aus Dir wird eh nix.

Ich war nicht die Einzige, die an sich und ihrem Leben zweifelte. Ein Kind, alleingelassen, mit Selbstmordgedanken, weil es „fehlerhaft“war.
Eine Freundin stürzte sich von einem Mast hinter der Kirche zu Tode – mit 14. Sie hatte zu Drogen gegriffen, weil im Elternhaus alles schief lief. Man konnte monatelang die Beule in der Wiese sehen, weil es uns als Mahnmal dienen sollte, dass der Fehler doch an ihr lag. Wohlgemerkt – wir befanden uns mitten in den 70ern…

Ein weiterer Schulkollege lebt heute unter den Brücken hier in SB. Er hat den Halt verloren, weil ihm alle gesagt haben, dass er nichts wert ist – und er war ein guter Schüler.

Seit kurzem weiß ich zum Bsp. auch, dass meine Abneigung Kindern gegenüber, auf dieser Art der Erziehung beruht. 

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Genau diese Erlebnisse beschreibt  Ingrid Müller-Münch in ihrem Buch. Die Mutter, die sich überfordert fühlt und bei den Prügelaktionen des Vaters wegsieht, im Alter aber Respekt von ihrer Tochter verlangt.

Der Vater, der seine Tochter zu „Ihrem Wohle“ züchtigt, weil sie den Teller nicht leer ißt. Ein Kriegstrauma steckt dahinter, denn er hatte nichts zu essen und wollte seiner Tochter mit der Prügel etwas Gutes tun.

Der Pfarrer, der seinen Frust über sein eigenes Leben an seinen Schutzbefohlenen auslässt…

Ich könnte stundenlang weiter schreiben und beschreiben. Aber nein. Es ist gut, dass das Buch ein Ende gefunden hat. Es hat viele Dinge in mir wieder aufgewühlt wurden. Die mir in Gesprächen mit ehemaligen Schulkollegen klar machten, wie ausgeliefert wir doch waren. Eine ehemalige Schulkollegin ist Schulpsychologin geworden um solchen Lehrern und Eltern den Garaus zu machen.

Alles in allem wird bei diesem Buch klar, dass es immer noch viel zu tun gibt. Es wird vielleicht nicht mehr in diesem Maße geprügelt oder verbal gequält – aber immer noch genug.

Ein Kind ist wie ein unfertiger Diamant. Man muss ihn schleifen und ihm Raum geben, damit er zu einem glänzenden Schmuckstück wird.

Ob unsere Eltern, Lehrer etc. vieles aus Unwissenheit oder Angst getan haben, das bleibt eine Frage, die noch zu beantworten wäre.

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2 Comments

Birgit 17. September 2017 at 17:59

Grauenvoll! Ich bin Anfang 60 geboren und mir blieb es daheim und in der Schule erspart, allerdings hatten wir einen Lehrer, der den frecheren Jungs Tatzen gegeben hat? Kennst du das noch?

Es gibt in meiner Familie Menschen, die nur wenig älter sind als ich, die haben noch den Teppichklopfer kennengelernt.

Weiss noch nicht, ob ich das Buch lesen möchte….

Schöne Grüße

Birgit

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Sandra 16. September 2017 at 7:48

Wow, danke für die persönliche Buchvorstellung. Ich kenne solche Geschichten von älteren Generationen, aber auch aus meiner Schulzeit. Ich hatte Klassenkameradinnen, die Angst hatten nach Hause zu kommen, weil dem Vater die Hand ausrutschte und die Mutter nichts tat. Ich stand als junges Mädchen dem sprachlos gegenüber, diese Art der Erziehung, die Angst vor den Eltern, die kannte ich nicht. Wie muss es gewesen sein, wenn das Zuhause kein Rückzugsort ist, keinen Schutz bietet.
Ja, es gibt es leider noch viel zu viel. Aber auch die andere Art von Gewalt, die dem Kind keine Aufmerksamkeit zu geben.
Das Buch wird auf jeden Fall auf meiner nächsten Einkaufsliste stehen.
liebe Grüße
Sandra

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