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Du hast Dich verändert…

posted by TheStrangebeauty.net 27. Februar 2017 6 Comments

Dieses ist ein Beitrag zur Blogaktion „Alle reden über Trauer“ von Silke –  „In lauter Trauer„.

 

DU HAST DICH VERÄNDERT!

Vor 15 Monaten verstarb der Herzensmann nach langer Krankheit.
Und ja, ich bin nicht mehr dieselbe. Ich bin härter gegenüber anderen geworden. Das Leben und die letzten Jahre mit einem todkranken Menschen haben mich hart gemacht.
Aber ich bin auch empfindlicher geworden. Empfindlicher und empathischer mir gegenüber und den Menschen, die mir wichtig sind.

Warum bist Du nur so hart?
Wer über Jahre einen Menschen pflegt, sich 24h um die Bedürfnisse eines anderen kümmert, und die eigenen einfach wegschiebt, der wird dann, wenn der Stress vorbei ist, einen Teufel tun, und auf andere Menschen Rücksicht nehmen.

Der eigene Körper meldet Nachholbedürfnisse an – und die nicht zu knapp. Mein Körper demonstrierte mir in aller Stärke, dass es genug sei. Von Migräneanfällen über Kreislaufprobleme, Durchfälle, Übelkeit und Fressattacken war alles dabei. Der unbändige Drang Bäume auszureissen wurden von athrosegeplagten Knien und einer kaputten Lunge mit COPD direkt ins Abseits gedrängt.

„Nö, iss nicht“ sagte mein Körper und zeigte mir mehrmals dezent den Mittelfinger.
„Hey Mann – ich bin der Chef“ rief mein Gehirn. 
„Schön für Dich.“ rief mein Körper und platsch lag ich mitten in der Küche auf dem Allerwertesten. 

Ömja… ich geh dann mal ins Bett und ruhe mich aus…. Es hat einige Wochen gedauert, bis ich überhaupt wieder in der Lage war, halbwegs normal mit mir und meinem Selbst umzugehen.

Früher warst Du ja auch nicht so!
Stimmt. Früher überlegte ich, wann ich den Mann bekoche und mit was – damit er überhaupt etwas ißt. Gleichzeitig versuchte ich in den Tagesablauf die Gassizeiten für den Hund einzubauen- die einzigen Momente im Wald, wo ich mir den Kopf freipusten lassen konnte und ich ICH war
.
Behördengänge oder Arztbesuche wurde über Wochen minutiös geplant – um dann doch verschoben zu werden, weil es dem Herzensmann mal wieder schlechter ging.
Früher war alles anders. Ganz früher hatte ich einen Partner, der sich um mich kümmerte. Wir waren ein Team. Wir waren ZWEI. Jetzt blieb nur ein noch ein Häufchen Elend übrig, dass immer mehr zusammen fiel. Aus dem WIR war ein ICH geworden. Schleichend und schneller als gedacht. So war das nie geplant gewesen. Wir wollten zusammen alt werden….

Du hättest doch so und so machen können….
Ja, klar. Hätte, könnte, wollte.
Meine Lieblingsworte, wenn es darum geht, sich über andere ein Urteil zu bilden, wenn man nicht im Besitz der kompletten Fakten ist.
Genau die Menschen, die nie genau wussten oder wissen wollten, warum ich nicht spontan ein Bier trinken konnte oder mal shoppen gehen konnte, genau diese Menschen erzählen mir dann, ich hätte meinen Mann dann doch besser in ein Pflegeheim abschieben sollen. Das wäre ja für alle Beteiligten besser.

Es ist schon was wahres dran an dem indianischen Spruch: „Bevor Du urteilen kannst über mich oder mein Leben,
ziehe meine Schuhe an und laufe meinen Weg.“
Die meisten meiner Bekannten hätten sich die Beine gebrochen – täglich!

Man bringt keinen Menschen, der im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist, einfach mal in einem Heim unter. Das geht nicht. Hätte ich auch nie gemacht. Ich habe meinem Mann damals versprochen, dass ich für ihn da bin – immer.
Ich weiss, dass ich mein Versprechen gehalten habe. Das machte es am Anfang nicht wirklich besser für mich. Denn man hat immer das Gefühl, man hätte zu wenig getan.
Stimmt aber nicht – das weiß ich heute. 

Du bist so anders geworden!
Tja, wenn Eigennutz und Selbstschutz zum anders werden dazugehören, dann bin ich anders geworden.
Ich tue das, was mir gut tut. Ich esse, was mir schmeckt (denn auch das war nichts selbstverständliches mehr). Ich schaue TV ohne Störungen. Jedes Weekend bleiben Klingel und Telefon aus und ich genieße mein Leben im Kreise meiner Fellbündel. Ich muss nichts und kann doch alles – wenn mir danach ist.

Es gibt Wochenenden, da verbringe ich die meiste Zeit im Bett oder auf der Couch – mit Buch oder TV. Es gibt Brote, ich koche nichts und genieße mein Leben. 
Ich bin MIR wichtig. Denn mehr als alles andere ist es wichtig, dass ich jetzt auf mich schaue. Dass ich weiter gesunde – denn mein Körper schmeißt mir immer noch Knüppel in die Beine – aber ich verzweifle nicht mehr daran – und dass ich mich und meine Bedürfnisse in den Vordergrund stelle.

Ich glaube wieder!
An mich, dass alles gut wird und das mein Leben schön ist. Ich befasse mich mit dem Buddhismus – eine Religion, die mir sehr zusagt. Alles kann, nichts muss.
Ich bin ruhiger und spiritueller geworden, nehme mich selbst und auch andere nicht mehr so wichtig. Es ist befreiend, nur noch auf die eigenen Bedürfnisse zu achten (Und auf die der Fellbündel!).
Und ich muss auch nicht mehr überall mitreden können oder wollen. Es gibt so viele Dinge, die mir mittlerweile sowas von egal sind. Sie gehören nicht zu meinem Leben – und das ist gut so.

Wie Du siehst – ICH HABE MICH VERÄNDERT!
Für mich in eine positive Richtung – auch wenn das einige nicht wahrhaben wollen. Aber das müssen sie ja auch nicht, oder

MEIN SPEZIELLER DANK GEHT AN:
JENS – seit fast 20 Jahren als bester Freund an meiner Seite.
Du hast all die Jahre zu mir gehalten – auch wenn ich fast keine Zeit für Dich hatte. Du hast mich getröstet, wenn mir mal wieder der Kragen geplatzt ist und ich am liebsten die Koffer gepackt hätte. Du hast mich aufgemuntert und bestärkt.
Du warst der Einzige, der sofort und auf Dauer mir mit Rat und Tat zur Seite stand – 24h lang, über Wochen. Ob über Whats App oder per Telefon – bis zur jetzigen Minute.

Du bist bist heute der beste Freund, den man sich als Frau wünschen kann. Du bist immer da – egal, was ist. Egal, wie irre meine Ideen sind oder wenn ich mal wieder im Chaos versinke – Du bist da.
Eigentlich sollte jeder Mensch einen solchen Freund und Begleiter haben. Danke, dass Du mich und meine Macken aushälst.

SCHLUSSWORT!
Es ist ein langer Text geworden. Eigentlich wollte ich gar nicht so viel schreiben. Aber dann ist doch wieder der Gaul mit mir durchgegangen.
Mein Fazit aus all den letzen Monaten: Der Tod ist scheisse. Aber man lernt ihn zu begreifen, wenn man ihn hautnah erlebt. Er macht Dich stärker – auch wenn Du das nicht wahrhaben willst. Weglaufen bringt nichts – er holt Dich in irgendeiner Form ein.
Stell Dich ihm, sieh ihn als guten Freund. Dann tut es weniger weh – in jeder Hinsicht.

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6 Comments

Tanjas Bunte Welt 18. März 2017 at 9:42

Tanja

Reply
Katja 27. Februar 2017 at 21:33

Gut geschrieben…….. ich war noch jung , als meine Oma starb – aber für mich war es sehr intensiv , wenn auch nur über wenige Wochen….. sie zu begleiten, Zeit mit ihr zu verbringen, einfach neben ihr zu sitzen…. erst Jahre später habe ich viele Dinge begriffen, die sie damals gesagt hat……
was ich lange – bis heute – nicht umsetzen konnte und kann, ist ihr Wunsch, dass ich mich liebe und auf mich aufpasse und stolz auf mich bin, egal was andere sagen….. aber ich arbeite daran….

Ich denke, jeder geht seinen Weg auf seine Art und seiner Geschwindigkeit – ein Freund begleitet ohne zu verurteilen – sei glücklich, dass du so jemanden an deiner Seite hast….

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Roveena 27. Februar 2017 at 8:36

Danke, für diese ehrlichen und offenen Worte. Ja, der Umgang mit Krankheit, Pflege und dem Tod macht einen wirklich stärker. Manchmal nervt es mich nur, dass ich dadurch nicht mehr einen Film oder Buch gucken/lesen kann, das vielleicht eine ähnliche Thematik bearbeitet und ich dann nicht ohne Tränen lesen kann. Es ist mir manchmal einfach unangenehm, auch wenn es das nicht sein sollte. Härter…bin ich in der Form geworden, dass ich eher mal zu jemanden sage, der mit dem Schicksal hadert, „dass ist nun mal so, da bringt es nichts den Kopf in den Sand zu stecken. Komm damit klar, oder ändere was, wenn du es kannst.“
Freunde, haben sich bei mir damals sehr schnell verflüchtigt, als mein Vater krank wurde. Aus der Zeit habe ich quasi keine Freundschaften mehr. Aber vielleicht ist es von Teenagern auch zuviel verlangt mit Krankheit und Tod umzugehen, wenn sie nicht selbst davon im Umkreis betroffen sind.
Sei so wie du bist 🙂 (ich habe extra nicht „bleib so“ geschrieben, denn es geht ja ums hier uns jetzt und wir machen ja täglich kleine Änderungen durch). Ich wünsche dir und deinen Fellnasen weiterhin alles Liebe 🙂
liebe Grüße
Sandra

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TheStrangebeauty.net 27. Februar 2017 at 15:17

Ich empfehle aus Matthias Schweighöfers Album „Lachen – Weinen – Tanzen“ das Lied „Durch den Sturm“ oder „Unzertrennlich“.
Weinen ist ok – immer.

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Roveena 28. Februar 2017 at 7:37

Das ist wirklich Musik zum Zuhören. Danke für den Tipp. Sehr tiefgehend und passend. Hätte nicht gedacht, dass er auch noch einen klasse Musiker abgibt und so tolle Texte.

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Alle reden über Trauer 2017 - In lauter Trauer 27. Februar 2017 at 6:03

[…] Du hast Dich verändert Der Tod ist scheisse. Aber man lernt ihn zu begreifen, wenn man ihn hautnah erlebt. Er macht Dich stärker – auch wenn Du das nicht wahrhaben willst. […]

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